

Europa auf sich allein gestellt – ein Kontinent ohne die USA?
Großes Interesse an Sicherheitsfragen im Wiescheider Treff
Was lange Zeit als undenkbar galt, ist in den Fokus der geopolitischen Realität gerückt: Eine Welt, in der sich die USA zunehmend von ihrer Rolle als europäische Schutzmacht distanzieren. Ob durch politischen Isolationismus oder die strategische Ausrichtung zum Pazifik – die „transatlantische Gewissheit“ bröckelt. 52 Besucherinnen und Besucher waren am 20. Mai der Einladung der VHS Langenfeld und dem Bündnis „Wir für Demokratie“ in den Wiescheider Treff gefolgt. Im Rahmen der Reihe Demokratieforum Langenfeld sprach Hauptmann Ron Hendricks, Jugendoffizier der Bundeswehr, über die sich zuspitzende sicherheitspolitische Lage und fokussierte dabei die Verteidigungsfähigkeit Europas.
„Wir befinden uns nicht mehr im Frieden, sondern in einer Phase zwischen Krieg und Frieden und Europa muss sich verteidigen“. Schon zu Beginn machte der Referent deutlich, dass die Herausforderungen groß sind und, dass moderne Konflikte im Rahmen hybrider Kriegsführung längst nicht mehr nur mit konventionellen Waffen geführt werden. Besonders eindrücklich schilderte er die Wirkung von Propaganda, Desinformation und digitaler Einflussnahme. Heute könne, so der Jugendoffizier, „ein Tablet und gezielte Fake-Nachricht und Cyberangriffe an der richtigen Stelle ausreichen, um eine ganze Nation in Chaos zu versetzen ohne einen einzigen Soldaten schicken zu müssen“.
Der Vortrag spannte einen weiten Bogen: von der gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik der Europäischen Union über die NATO und die veränderte Rolle der USA bis hin zur Frage, wie Deutschland auf neue Bedrohungslagen vorbereitet ist. Deutlich wurde dabei: Europa steht vor der Aufgabe, seine eigene Verteidigungsfähigkeit deutlich stärker zu entwickeln. Immer wieder ging es dabei auch um demokratische Werte. Europa, so die zentrale Botschaft, müsse lernen, sicherheitspolitisch stärker zusammenzuarbeiten. “Wie soll das gehen bei den vielen Waffensystemen in Europa, die immer komplizierter und inkompatibel sind“ so eine Zwischenfrage aus dem Publikum, die immer öfter gestellt wurde.
Der Referent verwies zudem auf Abhängigkeiten von den USA, etwa bei Aufklärung, Lufttransport, Luftbetankung und nuklearer Abschreckung. Eine Möglichkeit: „Die NATO könnte sich neu aufstellen – bewusst europäischer und unabhängiger werden“– etwa bei Aufklärung, Infrastruktur, Cybersicherheit und gemeinsamer Verteidigung. Gleichzeitig warnte er davor, einfache Antworten zu suchen: Demokratie brauche Diskussionen, Abstimmungen und Kompromisse. Genau das mache sie manchmal langsamer, aber eben auch widerstandsfähiger.
Auch die Rolle Deutschlands wurde beleuchtet. Deutschland sei heute weniger Frontstaat als vielmehr „Drehscheibe“ für Truppenbewegungen, Versorgung und Schutz kritischer Infrastruktur. Im Ernstfall müssten große Mengen an Material, Fahrzeugen und Personal durch Deutschland bewegt werden können. Das sei nicht nur eine militärische, sondern auch eine zivile und organisatorisch logistische Herausforderung.
Lebendig wurde der Abend von Anfang an durch den Dialog mit dem Publikum. Viele Gäste brachten persönliche Erfahrungen und Sorgen ein. Ein ehemaliger Jugendoffizier schilderte eindrucksvoll, wie sehr ihn der russische Angriffskrieg auf die Ukraine erschüttert habe. Man habe geglaubt, sich endlich den großen Zukunftsfragen wie Klima, Umwelt und globaler Zusammenarbeit widmen zu können – und müsse nun wieder über Krieg, Abschreckung und Verteidigung, Bunker, Schutzräume, Katastrophenvorsorge etc. sprechen.
In der Schlussrunde wurden auch die weiteren gesellschaftlichen Folgen intensiv diskutiert: die Angst vor Cyberangriffen, die Macht sozialer Medien, die Verunsicherung vieler Menschen und die Frage, wie man junge Generationen auf eine veränderte Welt vorbereiten kann. Mehrfach wurde betont, wie wichtig politische Bildung und offene Gesprächsräume-so wie diese am heutigen Abend- gerade jetzt seien.
Am Ende blieb kein einfaches Fazit zurück. Wohl aber die Erkenntnis, dass Demokratie mehr ist als ein politisches System. Sie ist anstrengend, weil sie davon lebt, dass Menschen miteinander sprechen, sich widersprechen, zuhören und Verantwortung übernehmen – besonders in Zeiten wachsender Unsicherheit. Genau dafür bot der Wiescheider Treff an diesem Abend den passenden Raum. “Großartig, dass hier ein Forum geschaffen wurde, um nicht in Resignation zu verfallen“. „Klasse, dass man hier so offen miteinander diskutieren konnte“. Viele Zuhörerinnen und Zuhörer diskutierten noch lange beim Herausgehen miteinander und versprachen, wiederzukommen, wenn der nächste Demokratievortrag stattfindet: 3.Juni 2026. Dann referiert Prof. Dr. Klaus-Peter Hufer über den Mut zur Demokratie. M Flügelsaal der Stadt Langenfeld.
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